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Wer oder
was ist Natur?
Wir gehen in die Natur, betrachten die Umwelt und sehnen uns nach Natürlichkeit. Aber, was meinen wir damit eigentlich? Wer oder was ist Natur? Sind oder waren wir einst nicht selbst Teil dieser? Oder haben wir uns gar vollständig von ihr entfremdet?


Zurück zur Natur! Brauchen wir ein neues Naturverständnis?

“There is no Planet B!” Sätze, wie diesen, liest und hört man in letzter Zeit häufiger. Auf Plakaten, in Demonstrations-Gesängen, in Talkshows, auf Twitter. Dass es so nicht mehr weiter ginge. Dass es ein Umdenken und ein entsprechendes Handeln brauche, um nicht im Klimakollaps zu enden. Naturschutz ist angesagt.

Die Relevanz und Dringlichkeit dessen soll keinesfalls angezweifelt werden. Jedoch könnte man sich die Frage stellen, was Aussagen, wie diese, die die Natur als etwas Schützenswertes darstellen, eigentlich über uns als Menschen aussagen. Dass wir uns selbst zu den Helden der Geschichte erklären. Wir sind es, die die Erde zerstört haben, also liegt es auch an uns, sie zu retten. Der Mensch nimmt eine Macher- und eine Schöpferrolle ein. Seine Verantwortung, sein Denken und Handeln ist gefordert. Fraglich ist, ob wir es hier mit Hoffnung oder Hybris zutun haben.





Wie konnte es so weit kommen, dass wir als Menschen begonnen haben, uns als etwas von der Natur Abgespaltenes zu begreifen?

Man könnte sagen, dass sich im heutigen Naturverhältnis, insbesondere der westlichen Industrieländer, ein Dualismus zwischen Naturnutzung bzw. -zerstörung und Naturschutz, zeigt. Entweder sind wir jene, die die Natur zum Objekt machen und schonungslos ausbeuten oder wir sehen uns als ihr Retter und Beschützer vor der grausamen “Bestie Mensch”. Was diese Sichtweisen jedoch vereint, ist, dass wir uns in beiden als etwas Außenstehendes begreifen. Nicht als Teil der Natur. Vielmehr führen wir ein Herrschaftsverhältnis über die Natur und begreifen sie zunehmend als Ressource, die es nutzbar zu machen gilt. Die Bezeichnung des neuen Zeitalters als Anthropozän könnte insofern kaum treffender sein.

Dank Klimawandel und des zunehmenden Bewusstseins für die schädlichen Nebeneffekte unseres Wirtschaftens, hat unser unbeirrbarer Fortschrittsglaube jedoch einen Knacks erlitten. Und die alleinige Naturbeherrschung scheint nicht mehr fortschrittlich. Und so ist als unsere jüngste gesellschaftliche Entwicklung eine erneute Wertsteigerung der Natur entstanden, die die Natur als rein und schützenswert betrachtet und sich für eine allgemein anerkannte Notwendigkeit von Natur- und Umweltschutz einsetzt.





Der Philosoph Andreas Weber sieht die Lösung für dieses Dilemma in einer neuen Kosmologie und umfassenderen Weltsicht. Die Trennung von Mensch, Kultur und Natur funktioniere, nicht mehr. Sie habe nie funktioniert. Der Soziologe und Philosoph Bruno Latour führt diesen Gedanken quasi fort und plädiert für eine sprachliche Symbiose von Mensch und Natur, um das neue Naturverständnis zu manifestieren. Er nennt es „Nat/Cul“, also die Abkürzung für Nature und Culture. Wir sollten aufhören, eine idealisierte Natur bewahren zu wollen, die nie existiert habe. Sie ist, Latour zufolge, ein veränderlicher Organismus an sich und nicht ein Objekt politischen Handelns. Er geht sogar so weit, dass er in den Parlamenten, neben den Repräsentanten der Länder, auch einen Rat für die nicht-menschlichen Organismen, wie z.B. die Meere, einfordert. Dies sei nur konsequent, wenn wir uns als Teil der Natur begreifen.

Ist das also die Lösung? Uns selbst (in der Natur) als Teil eines größeren Zusammenhangs zu begreifen. Die Verbindung zu spüren. Etwas, das wir uns in einer Welt der Kontrolle und des rationalen Verstandes kaum noch zugestehen. Versuchen wir doch alles zu verstehen und in einzelne Bauteile zu zerlegen. Aber schon Alexander von Humboldt schrieb einst, man müsse die Erscheinung der Dinge in ihrem Zusammenhang sehen, um alles Geschaffene im Himmel und auf der Erde zu verstehen.






Text: Marilena Berends
Fotos: Angela Lamprecht