Freiraum statt Leistungsdruck: Eine Werkstatt für Kinder

Im Rahmen ihrer Masterarbeit öffnete die angehende Architektin Franziska Möhrle die Neustadt 25 für Kinder. Mit ihr gemeinsam erkundeten und beobachteten sie die Stadt, werkten und experimentierten mit verschiedenen Materialien und gestalteten Objekte zum Thema „Traumstadt“. Die ersten Gäste waren zwei Schulklassen im Oktober und November. Anschließend, während Messe & Festival der POTENTIALe, setzte sich die Werkstatt im Reichenfeld fort, wo die Kinder ganz individuell kommen und gehen durften. Wir haben Franziska gefragt, wie das war, davor, danach und mittendrin.

 

 

 Wie ist die Idee für deine Werkstatt entstanden?

 

Beim Nachhilfeunterricht, aber auch generell im Alltag fiel mir immer wieder auf, unter was für einem Leistungsdruck junge Leute stehen, und dass an unseren Schulen kaum Platz für die individuelle, freie Entfaltung bleibt. Es ist mir ein wirklich großes Anliegen, dass wieder mehr Raum für das künstlerische, handwerkliche Machen geschaffen wird – und deshalb beschäftige ich mich auch in meiner Masterarbeit mit dem Thema einer Werkstatt für Kinder. Mein Traum ist es dabei, dass tatsächlich ein permanenter Raum entwickelt wird, der eine Freifläche für Kinder und Kindgebliebene ist – ein Ort, an dem sie ohne Zielvorgaben frei schaffen, machen, gestalten können. Innerhalb meines Thesisjahres möchte ich durch das Veranstalten verschiedener Werkstätten für Kinder aktiv erfahren, was es für einen solchen Freiraum braucht.

 

Wie geht das – eine ganze Schulklasse im winzigen Raum der Neustadt 25?

 

Am 24. Oktober waren tatsächlich richtig viele Kinder in der Neustadt 25 – aber nur kurz. Schon bald schwärmten wir aus in die Stadt, zum Wahrnehmungsspaziergang. An fünf verschiedenen Orten übten wir uns im Fühlen, Hören, Sehen, Sammeln, Zählen und Dokumentieren. Anschließend analysierten wir unsere Wahrnehmungen und kehrten in die Neustadt zurück, wo wir uns in zwei Gruppen teilten. Einige Kinder kochten mit der Pädagogin Brigitte Rambichler-Praxmarer im POTENTIALe Büro mit den mobilen Küchen das Mittagessen, die anderen bauten im Raum der Neustadt 25 ihre Traumstadt.

 

Wie hast du persönlich diese allererste Umsetzung erlebt?

 

Vor dem ersten Workshop in der Neustadt 25 war ich nervös. Ich hatte zwar den Rahmen gesteckt und eine Menge Vorbereitungen getroffen, aber der tatsächliche Ablauf des Tages, die Resultate und Ziele waren ungewiss. Umso mehr war ich begeistert darüber, wie der Tag verlief. Die Kinder waren einfach toll. Ihre Neugier, ihre Leichtigkeit und Gewissenhaftigkeit, ihr natürlicher Forschungs- und Gestaltungsinstinkt beeindruckten mich und ich konnte für mich selbst so viel lernen.

 

Und wie war es, deine Werkstatt im Rahmen der POTENTIALe umzusetzen?

 

Zwischen der Werkstatt für Kinder in der Neustadt 25 und beim Festival der POTENTIALe war ein großer Unterschied zu merken. In der Neustadt 25 beschäftigten sich die Kinder einen ganzen Tag lang mit der (Traum)stadt, sie konnten sich völlig auf das freie Gestalten einlassen. Sie kannten sich untereinander und wurden nicht von außenstehenden Erwachsenen angeleitet. Dagegen beeinflusste die häufige Anwesenheit der Eltern in der Werkstatt beim POTENTIALe Festival den Gestaltungsprozess, da die Kinder anfänglich weniger frei an das Gestalten herangingen. Zudem waren die Altersunterschiede größer und die Kinder kannten sich oft untereinander nicht. Nach einer Weile fanden die Kinder aber auch hier in das freie Gestalten. Eine weitere große Rolle spielte die Zeit. Während die Kinder in der Neustadt 25 für mehrere Stunden an einer Traumstadt bauen konnten, hatten die Kinder während der POTENTIALe viel weniger Zeit und bauten an bereits begonnenen Traumstädten weiter. Die „Ergebnisse“ waren daher sehr unterschiedlich: einheitlicher und „vollendet“ wirken die Traumstädte der Neustadt, die Städte der POTENTIALe sind eher fragmentarisch und im Prozess. Das Resultat ist für mich aber, wie gesagt, eher nebensächlich, wichtig ist der Prozess.

 

Du arbeitest fast ausschließlich mit Naturmaterialien - warum? 

 

Ich finde es wichtig, dass vor allem Kinder mit natürlichen Materialien in Verbindung kommen und diese erfahren und begreifen können. Dazu kommt noch, dass es mir beim Arbeiten mehr um den Prozess als um das Endprodukt geht und die meisten Objekte wieder abgebaut werden. Da ist es mir wichtig, dass so wenig Müll wie möglich entsteht. Die Materialien sollten demnach wiederverwendbar oder kompostierbar sein. 

 

 

Franziska Möhrle, geboren 1994, ist in der Nähe von Ravensburg in Süddeutschland aufgewachsen. Seit sechs Jahren wohnt sie in Feldkirch und studiert Architektur an der Universität Liechtenstein. Unter anderem arbeitete sie bei Martin Mackowitz im Atelier für interaktive Baukunst ma_ma, gründete gemeinsam mit Valerie Rainer das Kollektiv Auf´strich und verbrachte ein Semester an der KADK in Kopenhagen. Derzeit befindet sie sich im letzten Jahr ihres Masterstudiums, zusätzlich gibt sie seit über fünf Jahren Nachhilfeunterricht bei der Agentur nachhilfeplus in Schaan in Liechtenstein.

 

Die ersten Umsetzungen der angehenden Architektin haben so großen Anklang gefunden, dass nun fortlaufend Werkstätten für Kinder in Leerständen oder im freien Feld stattfinden sollen. Franziska Möhrle möchte damit ihrem ganz großen Wunsch näherkommen: einer zukünftigen permanenten Werkstatt für Kinder und Kindgebliebene in Feldkirch.

 

Die Pionier-Workshops wurden von SchülerInnen der Mittelschule Oberland, Schule für Globale Entwicklung in Ludesch besucht. Die pädagogische Leiterin, Brigitte Rambichler-Praxmarer: „Die Frage nachdem gelingenden Leben gewinnt derzeit immer mehr an zentraler Bedeutung. Umso entscheidender ist es Bilder, Träume und Visionen anzureichern.“

 

 

 Text: Lena Hopp

Fotos: Nadine Jochum & 

Magdalena Türtscher