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Ein Plädoyer für … Dinge.

 

Objekt-Kulturen und Kultur-Objekte. 

So titelt Ihr Vortrag am 10. November um 12 Uhr im Alten Hallenbad. Warum gerade Dinge und warum gerade heute? 

 

Dinge sind in Verruf geraten in Zeiten einer allgegenwärtigen Forderung nach Verzicht. Dies geschieht im Zeichen der gut gemeinten, aber oftmals kurz gegriffenen Nachhaltigkeit: Seit Menschengedenken werden Objekte gefertigt, die Bände sprechen, über ihre Gesellschaften und darüber, was sie bewegt. Dinge, mit denen wir uns umgeben und die verkörpern, wer wir sind und wie wir uns (wohl) fühlen – ob lässige Sneakers oder stolze Stilettos, der virtuos geführte Schneebesen oder Simsen auf dem Touchscreen in Rekordzeit.

 

Dinge sind allgegenwärtig. Quantität ohne Ende. 

Doch wie ist das mit der Qualifizierung?

 

Aktuell zentral ist die Herausforderung, mit unendlich vielen zur Verfügung stehenden Möglichkeiten umzugehen, während Anforderungen an Ökologie allgegenwärtig sind. Verzicht wird gefordert, der Kauf und Besitz von materieller Objekte geradezu dämonisiert. Anstatt lediglich Mengen zu beurteilen, gilt es Qualitäten zu unterscheiden und einen bewussten Dialog mit den Dingen zu pflegen. Dinge entweder beliebig anzuhäufen oder ebenso beliebig zu reduzieren läuft inhaltlich auf dasselbe hinaus: Leere und Beziehungslosigkeit.

 

Nichtsdestotrotz ist die ökologische Nachhaltigkeit relativ leicht nachvollziehbar – im Vergleich zur sozialen, kulturellen oder gestalterischen Nachhaltigkeit. Was bedeutet „ästhetische Nachhaltigkeit“? Warum liest man in Produktrezensionen immer wieder das Wort „zeitlos“ – in einer Zeit, in der nichts, aber auch wirklich nichts mehr zeitlos scheint? 

 

Weil wir uns insgeheim Dinge wünschen, die bleiben. Die uns begleiten und zu denen wir tatsächlich eine Beziehung haben. Und deshalb macht es – nicht nur für die Umwelt, sondern auch für uns persönlich – Sinn, uns bewusst mit der Bedeutung von Objekten und deren Qualität auseinanderzusetzen. Dinge, die das Potential zum „Lieblingsstück“ haben, die mit sorgsam gewählten Materialien, Designs und Fertigungstechniken überzeugen, überschreiten die Schwelle von der Quantifizierung zur Qualifizierung. Und sind damit sinnvoller als jede dogmatisch gepredigte Minimalisierung. Denn ganz ohne Dinge können wir nicht sein.

 

Es geht also um eine Beziehung. 

Wie finden wir das, was uns gut tut? Uns selbst, unserer Gesellschaft, der Welt?

 

Beziehungen sind im Konsumverhalten gar nicht so anders wie im Menschlichen. Sie stellen Anforderungen und wollen gepflegt werden. Die große Liebe fühlt sich anders an als eine Abfolge unverbindlicher Tinder-Bekanntschaften, welche uns im Grunde unbefriedigt lassen und Hunger auf Mehr erzeugen, um die emotionale Leere zu füllen. Um zu finden, was wir wirklich brauchen, müssen wir uns Fragen stellen:

 

Was bedeutet mir das? Tut es mir gut? Das, was ich esse, das, was ich trage? 

Was erzählen mir die Menschen, denen ich gerne zuhöre? 

Wie fühle ich mich in ihrer Gegenwart? 

Und was erzählen mir die Dinge, die ich besitze?

 

Die Ausstellung SUBJEKTe porträtiert Menschen mit „ihren“ Objekten – ob materiell wertlos oder hochpreisig. Alle diese Dinge haben eine Bedeutung, die nicht objektiv beurteilt werden kann. Dinge können Lebensgeschichten schreiben, Leidenschaften verkörpern und unersetzlich werden. Und in diesem Sinn kann Besitz glücklich machen – als Gefäß für Erinnerungen, Träume, Facetten unserer selbst und dessen, was uns wichtig ist.

 

Monika Kritzmöller, freie Wissenschaftlerin, Beraterin und Privatdozentin an der Universität St. Gallen, forscht in verschiedensten Bereichen der Alltagskultur – mit dem Schwerpunkt auf Mode und Körper sowie Architektur und Kunst. Seit gut 35 Jahren ist sie zudem künstlerisch tätig: Ihre Radierungen werden kommenden Januar in der St. Galler Galerie „Macelleria d´Arte“ präsentiert. Ihr liebstes Objekt – eine historische Druckpresse – ist Teil der Ausstellung SUBJEKTe.

 

 

 

Interview: Lena Hopp 

Fotos: Alltag Agentur, Maurus Hofer