Im Zeichen des Maulwurfs

Auf vielen Plätzen – insbesondere den herkömmlichen Renommierflächen mit massenhaft Stein – wird es an Tagen wie diesen ungemütlich. Staubig, heiß und still. Nicht so am Raiffeisenplatz, der Temperaturen über 30 Grad ganz unaufgeregt Paroli bietet und sich nachgerade lauschig präsentiert. Dabei ist er nicht einmal komplett autofrei. Farblich genau auf das Teehaus abgestimmt scheinen die beiden Kleinwagen, die entweder parkieren oder sich mit gschmackiger Fracht auf den Weg machen und durch die Szenerie schneckeln.

 

Diesen Dienstag wurde zur Abwechslung einmal nicht nur vom Platz weg geliefert, sondern zum Platz her: Per poolcar nämlich, das Station machte im Rahmen der poolbar-Raumfahrt. Da gesellte sich dann flüssige Erfrischung aus den kultigen poolbar-Bechern zu jener aus den Sechsertragerln und Dosen, mit denen sich die Stammklientel des Bereichs schon vorab eingedeckt hatte. Und wie schon bei ähnlichen Gelegenheiten zeigte sich: Die Leute vom Raiffeisenplatz sind, wenn g’schaftelnde ‚Fremde‘ dazu stoßen, ein bisschen reserviert, ein bisschen interessiert. Distanzierte Koexistenz ist drin.

 

An dezidiert alle Anwesenden wendete sich Herwig Bauer (poolbar) in seinem kurzen Intro, als er die Wahlverwandtschaft der beiden P-Projekte auf den Punkt brachte: Auch das poolbar-Festival hat mit der Entdeckung von Leerstand zu tun – das Alte Hallenbad in Feldkirch ist heute ein über die Stadtgrenzen hinaus wirkendes Musterbeispiel für nachhaltige Aufwertung durch Nutzung. Das passt zum Anliegen der POTENTIALe, „schlummernde“ Räume und Orte freizulegen und zu beleben.

 

Auf perverse Weise „belebt“ wird der Wald im TV-Trickfilm Der kleine Maulwurf kommt in die Stadt (1982). Der Titel dieser Folge, die im ersten Teil der Veranstaltung zu sehen war und es dem Teehaus möglich machte, sich aufgeklappt als bezaubernde Leinwandbühne zu zeigen, ist nämlich irreführend. Genau genommen, kommt nicht der Maulwurf in die Stadt, sondern die Stadt zum Maulwurf oder über den Maulwurf: Da wird alles dem Erdboden gleich gemacht, und quasi über Nacht entsteht eine Megacity.

 

Maulwurf, Igel und Hase erhalten als Schadensersatz eine verbriefte Ehrenbürgerschaft – das mit Stempeln versehene offizielle Papier verschafft ihnen sogar ein Quartier mit Pseudo-Natur. Nach kurzem Ausprobieren reicht es den Tierlein wieder, und sie hauen ab – freundlich unterstützt von weißen, gefiederten Lieferfliegern.

 

Während diese ins Off flatterten, ließ sich vor Ort beobachten, wie Tauben, Amseln, Spatzen – und zwei äußerln geführte Hunde an der Leine – den Raiffeisenplatz nutzen. So konnten sich Katrin Löning vom Kooperationspartner Österreichisches Ökologie-Institut und die Biologin Agnes Steininger auf zweierlei Geschehen beziehen: Das auf der Bild- und das auf der Grünfläche. Sie gaben zu bedenken: „Dem Erdboden gleichgemacht“ wird nichts, wenn Stadt in ihrer brutalsten Form entsteht. Im Gegenteil …! Gerade die permanente Zunahme versiegelten Bodens ist ein problematischer Faktor, wenn es um ökologisches Gleichgewicht geht.

 

Doch Tiere sind findig. Sie passen sich an diverse Gegebenheiten an und lassen sich auch von der Stadt nicht unterkriegen. Im Biorhythmus ähneln sie allerdings dem der klassischen poolbar-BesucherInnen; Agnes Steininger verrät: Erst ab „viertel vor zehne“ – p.m., versteht sich! – kommen sie so richtig in die Gänge und in die Gassen. Für Interessierte, die neugierig sind, was des Nachts im eigenen Hinterhof abgeht, bietet das Ökologie-Institut einen besonderen Service: Tierbeobachtungskameras zum Ausleihen!

 

Ingo Türtscher (POTENTIALe) fragte in der abschließenden Runde ganz konkret nach einem Spontangutachten für den Raiffeisenplatz: Als gar nicht so übel stuften ihn die beiden Fachfrauen ein. Pluspunkte bringt vor allem die Baumsubstanz: Auch alte Bäume, ja, gerade alte Bäume mit ihren „Schäden“ und Löchern sind wertvoll. Auch die Brunnenrelikte haben noch als Wasserauffangbecken Qualität. Und die hölzernen Fensterläden, die im aktuellen Wohnbau immer seltener anzutreffen sind, bieten beispielsweise Platz für Minifledermäuse.

 

Auf den Wunschzettel käme ein Winkel mit Blühendem. Dies wäre keineswegs nur optisch eine Bereicherung: Pflanzen mit Blüten, also Nektar, sind lebensnotwendig für Schmetterlinge und andere Insekten, diese wiederum für Vögel und so weiter. Beim Thema Licht gälte wiederum ein „Weniger ist mehr!“ Die örtliche Beleuchtung dürfte aus Sicht der Tierwelt gern reduziert werden – nur: Da wird so manche/r Stadt- und Landmensch einwenden, gerade der Raiffeisenplatz sei schummrig genug. 

 

 

 

Weitere Raumfahrt-Stationen

www.poolbar.at/sparten/raumfahrt

Nächste POTENTIALe-Kooperation: „Neustadt Nutzen“ (Di, 6.8., 16:00) mit Vinylflohmarkt und Livemusik in der autofreien Neustadt und in Neustadt 25.

 

Österreichisches Ökologie-Institut

www.ecology.at/index.htm

 

 

Text & Inhalt: Redaktion

Fotos: Lena Sudmann