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Plötzlich Platz

Das Palais Liechtenstein liegt quasi am Raiffeisenplatz. Freundlich heben die Bibliothekarinnen im ersten Stock des Palais die bestellten Archivalien zum kleinen, hinten angrenzenden Areal aus. In der Wartezeit fällt der Blick aus einem der Fenster zum Hof auf Betriebsamkeit unten beim Teehaus: Lukas Stark vom POTENTIALe-Team demonstriert zwei jungen Leuten das Klappprinzip und lässt bei der Gelegenheit Frühlingsluft ins blau gestrichene Innenleben des roten Häuschens.  

 

Stadtbibliothek, Lesesaal. Das gewünschte Quellenmaterial ist da, ein Band mit Ausgaben des Feldkircher Anzeigers aus den 1980er-Jahren. In der Ausgabe vom 11. März 1982 umrahmen vier dokumentarische Fotografien von Siegfried Gabrielli die mittig platzierte ‚Bildunterschrift‘ „Der neue Posthof“. Die zentral positionierte Kamera schoss in alle vier Richtungen und rückt auch den Durchgang zur Schmiedgasse ins Bild.

 

Gut vier Monate später widmet sich ein Teil der Titelseite der Zeitung dem – „Raiffeisenplatz“!

 

„Nach guter Arbeit ist auch gut ruh'n!“ leitet der namentlich nicht gezeichnete kleine Artikel – oder besser Bildtext –  unter einer Fotografie ein. Diese zeigt eine geradezu malerische Szenerie mit zwei Personen. „Dipl. Ing. Judith Bechtold und Rolf Graber kühlen im frischen Naß des neuen Brunnens im Raiffeisenplatz ihre glühenden Füße“, steht dabei, und weiter: „Für innere Kühlung war ebenfalls gesorgt, wie obiges Bild beweist. In der vergangenen Woche wurde der ‚neue Hof‘ mit einer Party eingeweiht, die vom Bauamt aus organisiert wurde.“

Blick aus dem Palais Lichtenstein auf den Raiffeisenplatz.                                   

 

PLATZ OHNE GESCHICHTE

 

Die knappen Beiträge im lokalen Medium bezeugen, dass ein als solcher ausgewiesener „Platz“ an dieser Stelle der Stadt ein Novum war. Dies belegen auch Feldkirchs historische Straßen-und Adressverzeichnisse, die der Leiter des Stadtarchivs, Christoph Volaucnik, bereit hält. Das erste erhaltene Verzeichnis datiert von 1925, an Plätzen finden sich da Jahnplatz, Kirchenplatz, Leonhardsplatz, Mühletorplatz.

 

Im „Hausbesitzer- und Hausnummern-Verzeichnis von Groß-Feldkirch, Ausgabe 1936“ sind wieder Jahnplatz, Mühletorplatz und St. [!] Leonhardsplatz aufgelistet – aus dem Kirchenplatz ist der Dollfußplatz geworden. Unschwer zu erraten, dass der im Verzeichnis vom 1. Mai 1941 als Adolf-Hitler-Platz geführt und durch Entnazifizierung wieder Kirchenplatz wird. Ein weiteres, letztes Mal wurde der wichtige Platz, welcher, wie Mag. Volaucnik erörtert, als ersten Namen den des bayerischen Königs Maximilian Josef („Maximiliansplatz“) getragen hatte, umbenannt: Seit der Diözesangründung 1968 hat Feldkirch Dom und Domplatz.

 

Und in unmittelbarer Nachbarschaft? Politischen Verwerfungen und Begehrlichkeiten sah sich der unspektakuläre (Hinter)hof, der nur ein Gebäude oder einen Durchgang vom Platz der fünf Namen entfernt liegt, nie ausgesetzt. Als quasi unbeschriebenes Blatt wurde er Anfang 1982 zum Platz ‚ernannt‘. Im Protokoll zur Sitzung der Stadtvertretung vom 21.1.1982 heißt es unter Tagesordnungspunkt 2: „Neugestalteter Posthof und der Bereich zwischen Leonepassage bis zur Einmündung in die Herrengasse sollen neu bezeichnet werden. Raiffeisenplatz (mit Bezugnahme auf das neue Bankgebäude).“

 

 

AUS HOF MACH PLATZ

 

Als erwähnenswert betrachtet der Leiter des Stadtarchivs, dessen Bestände auf vier Standorte verteilt sind, die knappe Ergänzung in den Beilagen zum Beschlussprotokoll. Dort heißt es zusätzlich zum ansonsten identischen Wortlaut: „[…] Vorschlag des Stadtrates: Raiffeisenplatz (mit Bezugnahme auf das neue Bankgebäude).“ Das erscheint Christoph Volaucnik „ganz ungewöhnlich“, und er erklärt sich bereit, auch noch nach den Dokumenten zur entsprechenden Stadtratssitzung zu sehen.

 

In den Unterlagen zur Sitzung am 25.8.1981 ist beim Thema „Neu- und Umbenennung verschiedener Verkehrsflächen in Feldkirch“ von gut zwei Dutzend Namen die Rede. Doch siehe da: Mit Bezugnahme auf das neue Bankgebäude ist zwar der Bezugname („Raiffeisen-“) gegeben – im zweiten Wortteil aber nicht der „-platz“! Die Rede ist vom „Raiffeisenhof“.

 

Irgendwann in den knapp vier Monaten zwischen den erwähnten Sitzungen ist aus dem Hof ein Platz geworden, verbal zumindest. Ob es im Nachhinein noch möglich wäre, Ursachen und Umstände dieses Wechsels dingfest zu machen, eventuell im Kontakt mit damaligen Beteiligten?  – Fest steht: Gültige Bezeichnung ist „Raiffeisenplatz“. Herbert Grönemeyers Männer abwandelnd, stellt sich die Frage: „Wann ist ein Platz ein Platz?“ Und eine differenzierte Antwort wird eher nicht lauten: Wenn er den -Platz im Namen trägt. Oder doch?

 

SPITZNAME "TEEHAUSPLATZ"

 

Dass am Raiffeisenplatz jener Brunnen, der bei seiner Eröffnung noch als so zentral betrachtet worden war, die längste Zeit schon stillgelegt ist, trägt zum verwunschenen Charakter des Ortes bei. Die treppenartig abfallenden Ausnehmungen haben zwar auch als Auffangbecken für Regenwasser und herabfallendes Laub ihren Charme, aber zur Belebung des Platzes würde die Wiederbelebung des Brunnens auf jeden Fall beitragen.

 

Bereits aktiver Faktor – KritikerInnen monieren, eher plätschernd als sprudelnd – ist das Teehaus, mit dem das Stadt/Studio vor knapp einem Jahr einen vor allem farblich lauten Akzent setzte. Dass das kleine unbeheizte Gebilde über die kalten Monate eher skulpturalen Charakter hatte, wird man ihm nicht zum Vorwurf machen. Selbst als widerständiger Farbfleck tat es dem im Winter oft menschenleeren, zwischen Weiß und Grau changierenden Platz gut.

Und punktuell sorgte das Teehaus sogar für „innere Wärmung“, als es während der POTENTIALe Festival- und Messetage, beim Wort genommen, als Bar für Kräutertee aus dem Großen Walsertal agierte.

 

Für  Fans – die gibt es so wie KritikerInnen – heißt der Raiffeisenplatz inzwischen einfach Teehausplatz, in liebevoller Ironie, mit Bewusstsein für wandlungsfähige Strukturen. Und seit Einzug des Frühlings melden sich vermehrt Menschen mit prickelnden Ideen. Was sich in nächster Zeit im und um’s Teehaus tut, verrät die Webpräsenz der POTENTIALe unter „Termine“. Dort finden sich auch alle Informationen für potentielle NutzerInnen.

 

 

Text & Inhalt: Petra Nachbaur

Foto: Lukas Stark