· 

Ins Offene entlassen

Einen Monat nach dem Messe- und Festivalwochenende steht ein Besuch der jungen Fachbuchhandlung für Künstlerbücher in Lustenau an. Der erste Unterschied zu Feldkirch, wahrnehmbar unmittelbar beim Betreten des Druckwerks, ist die Geräuschkulisse. Freilich, auch auf den Gängen des Landeskonservatoriums wurlte es während der POTENTIALe. Aber während da im Festsaal ein munteres Treiben zu DJ-Klängen herrschte – Vintage-Objekte und Second Hand-Kleidung wurden durchwühlt, anprobierte Looks aufgekratzt besprochen – , bildete der sonst für Studienkonzerte genutzte Kleine Saal mit der kunstvoll reduzierten Präsentation von Print eine ruhige Welt für sich.

 

Hier im Druckwerk Lustenau sind Maschinen in Betrieb. Nicht Konsumation ist angesagt, sondern Produktion, überschaut von den Druckwerk-Leuten Lorenz Helfer und Pirmin Hagen. So viel wie gerade eben sei nicht immer los, meint Ferdinand Ruef in den Lärm hinein. Er, der Kopf hinter der Fachbuchhandlung für Künstlerbücher, räumt seelenruhig im entstehenden Regalbereich herum; die wenigen Möbelstücke sind alles andere als fertig hergerichtet für die Präsentation, was man durchaus entspannt händelt. Schließlich geht es nicht, wie in einem herkömmlichen Laden, in erster Linie um Umsatz, und auch auf saisonale Marktideen wie „Weihnachtsgeschäft“ setzt man, wie es scheint, in dieser speziellen Buchhandlung grad extra nicht.

 

Ruef beschreibt die Handlungsabläufe: Sehr wohl können und sollen die in der Fachbuchhandlung ausgestellten Stücke – der Begriff „Waren“ will nicht so recht – erworben werden. Die Fachbuchhandlung für Künstlerbücher agiert dabei nicht als Zwischenhändler, sondern als reine Drehscheibe, der volle Kaufpreis geht direkt an die Produzentin, den Produzenten. So hat der Keramik- und Konzeptkünstler Ferdinand Ruef, aufmerksamen POTENTIALe-Followers auch bekannt als Träger des LAVA Award 2018, auch nicht plötzlich ‚umgesattelt‘ auf Buchhändler. Vielmehr geht es ihm darum, seine Erfahrung und sein Wissen als Kunstschaffender und als Sammler kollektiv nutzbar zu machen, die regionale Künstlerbuch-Szene zu vernetzen und auch überregional, bestenfalls international Präsenz zu erlangen.

 

Am Namen des frischen Projekts hat Ferdinand Ruef ganz offenkundig seine Freude. Ja, strahlt er, ganz bewusst spielen die Proponenten der „Fachbuchhandlung“ mit der scheinbar unpassenden Setzung einer Spezialeinrichtung in einem nicht urbanen, nicht universitären Umfeld – die nächste Fachbuchhandlung (wahrscheinlich juristischer, medizinischer oder wirtschaftswissenschaftlicher Art) findet sich wohl in den nächsten ‚Studierstadt‘.

 

Und wer schupft den Laden im Alltag? Die Fachbuchhandlung für Künstlerbücher ist geöffnet zu den Öffnungszeiten des Druckwerk Lustenau und wird von den anwesenden WerkstättenleiterInnen mit betreut. Zunächst geht es darum, der Kundschaft die Möglichkeit zu bieten, besondere Druckerzeugnisse ganz ohne Hektik zu sichten und zu betrachten. In Konsequenz – und da ist der Begriff der „Fachbuchhandlung“ dann gar nicht so abwegig – soll neben dem Kauf aber auch Bestellung möglich sein.     

 

Einzige Anforderung an die BesucherInnen ist die Bereitschaft, pfleglich mit den derzeit 80 bis 100 Büchern, Heften, Leporellos umzugehen. Denn während in einer Ausstellung „Berühren verboten!“ angesagt ist und sich große, kommerzielle Buchhandlungen Ansichtsexemplare leisten, setzt die Fachbuchhandlung für Künstlerbücher auf respektvolle Haltung: Bei manchen Büchern, erzählt Ferdinand Ruef, habe er am POTENTIALe-Wochenende „schon Handschuhe dazu legen müssen“.

 

Auf Seite der ProduzentInnen wiederum ist es nicht Voraussetzung, aber alles andere als ein Manko, wenn eine Publikation keine ISBN-Nummer aufweist. Klein- und Kleinstauflagen kennzeichnen die vielfältigen Arbeiten, die von bekannten KünstlerInnen wie Gottfried Bechtold, Hubert Matt oder Christoph Lissy stammen, von Gestalter- und GrafikerInnen wie Bianca Tschaikner und Roland Stecher oder auch von jüngeren und jungen AkteurInnen aus den Feldern Comic und Grafik. Ein Vorarlberg-Bezug ist allen gemeinsam. Schlussendlich hofft Ferdinand Ruef auch darauf, mit einem Projekt wie der „Fachbuchhandlung“ ließen sich Buch-affine Zeichnerinnen und Zeichner „animieren, in dem Bereich zu arbeiten“.

 

Dass er die Idee zur Fachbuchhandlung für Künstlerbücher als erstes Pirmin Hagen unterbreitete und mit ihm gemeinsam umsetzen wollte, kommt nicht von ungefähr. Das Druckwerk, das in den letzten Monaten immer stärker auch als Produktionsstätte wahr- und angenommen worden ist, passt nicht nur namentlich ganz ausgezeichnet. In Lustenau könnte ein Ort mit Doppelrolle entstehen:  Druckwerke, im Druckwerk produziert und ebendort zum Kauf präsentiert, ‚Print ab Hof‘ quasi? Vielleicht schon im kommenden Frühjahr, hofft Ferdinand Ruef, könnten die Herausgabe und der Druck eine kleinen Serie oder Reihe Wirklichkeit werden.

 

 

Doch auch der Start bei der POTENTIALe war kein zufälliger: Einschlägige Messen sollen auch in Zukunft einen ganz wesentlichen Bestandteil der Aktivitäten der Fachbuchhandlung für Künstlerbücher ausmachen: Für März steht schon „It’s a book“ in Leipzig auf dem Terminkalender von Ferdinand Ruef und Pirmin Hagen. Und Ferdinand Ruef, der geduldig und freundlich auf alles Fragen und Bohren eingegangen ist, formuliert auf die nachdrückliche Bitte hin, seine Rolle doch noch einmal auf den Punkt zu bringen, so cool wie groß: „Mine Rolle isch nur DIE LIEBE ZUM BUCH.“

 

 

Text: Petra Nachbaur

Fotos: Druckwerk Lustenau