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Erfrischende Fremdkörper

Ganz augenfällig war das Pflanzliche bei Massimiliano Bettinelli: Auf einer betagten Holzkommode – das Interieur der Villa war auch für das POTENTIALe-Wochenende pfleglich beibehalten – platzierte der werdende Absolvent der Mailänder NABA seine Kalender-Kollektion. Das Papier für die bedruckten Blätter fertigt er von Hand, aus Altpapier. Angereichert ist das Material mit Nährstoffen: Ist ein Kalenderblatt zu wechseln, kommt es kleingestückelt in die Erde zur Grünpflanze, die ein jedes der Alltagsobjekte bei sich hat. So werden beispielsweise die Mondphasen auf einem abrollbaren Tischkalender nach und nach Teil des Efeus, der neben ihm gedeiht.

 

Orchideen, Fliegenpilze und andere Gewächse treiben ihr Unwesen auf den Collagen von Jagoda Stączek. Die polnische Künstlerin, der die volle Villa-Bücherwand und ein Wohnzimmerwandstück ums Eck als Hintergrund dienten, verwendet alte Drucke, Zeitschriften und Bücher, um klassisch – mit Schere und Leim – zu collagieren. Die Verfremdung offenbart sich oft erst auf den zweiten Blick. Die Originale zeigt Stączek in Kunstzusammenhängen; zudem vervielfältigt die taufrische Betreiberin des Labels blueberrythinks ihre durchaus dekorativen Arbeiten und vertreibt sie als Poster. In derselben Technik gestaltet ist ein schräg-nostalgisches Spielkartenset, dessen Karten einladend aufgefächert auf einem Beistelltischchen bereit lagen.

Im selben Raum befanden sich des weiteren ästhetisch ansprechende, gläserne Gefäße – von ihrer Schöpferin per Paketzustellung „abgestellt“, auf einem runden Tisch ausgestellt – , die allenfalls als kleine Vasen dienen könnten. 

 

PRÄSENZ UND KRITIK

 

Mehr Präsenz entwickelte das REM atelier. Bananenblätter geben den Ton an in ihren unterschiedlich dimensionierten Growing Plants Indoor, Leuchtobjekten, die auch im Leinwandformat funktionieren: Wandfüllend etwa in einem Restaurant in Amsterdam, wie das Duo beim Gespräch im Garten der Villa am Handydisplay zeigt. Groß raus kommt in Feldkirch aber auch „the baby“, wie Remty und Remco das kleinste Element aus dieser Serie scherzhaft nennen: Dieses fand seinen perfekten Platz auf dem Spirituosenwägelchen neben der Terrassentür. Hochprozentig ist auch die Aufmerksamkeit, die Melon Totem generiert: Die knallgelbe Variante des säulenartigen Objekts bezeichnen ihre SchöpferInnen spontan als „the most sparkling one“ – zudem verweist die Farbe direkt auf die der zugrundeliegenden Obststücke, die im Prozess ihrer Schrumpfung abgebildet, ästhetisch „haltbar gemacht“ sind. 

 

Bei Christian Fischer schließlich trafen sich auf spielerische Weise Form und Inhalt. Im verwinkelten Freigelände zeigte der Vorarlberger, der als einziger der anwesenden AusstellerInnen nicht eins der Schlafzimmer im oberen Stock der Villa nutzte, ein obskures kleines Gewächshaus: Eine Grünpflanze befindet sich in einem Gebilde aus fünfeckigen Glaselementen, dieses wiederum auf einem kupfernen Sockel. An diesen Sockel angeschlossen, hatte Fischer, ebenfalls aus Kupfer, einen Ventilator, eine Lampe und eine rudimentäre Bewässerungsanlage gebaut: Nun stellte der Multimedia-Erfahrene Designer einen Code zur Verfügung, mit dem sich jede/r per Smartphone gärtnerisch betätigen konnte: Luft-, Licht- und Wasserzufuhr ließen sich per Display steuern. Nur: Nichts gelangte bis zur Pflanze. „Das ist meine Kritik an diesen ganzen Selbstoptimierungs-Apps“, ließ Fischer wissen: „Alles bleibt an der Oberfläche.“

YOU LIKE POTAYTO, AND I LIKE POTAHTO

 

Mit der guten, alten Kartoffel gesellte sich eine Nutzpflanze zum nachhaltig, hintergründig, charmant und ironisch in junges Design integrierten Grün:  Auch heuer wieder waren Piet Bergman und seine crazy Crew, POTENTIALE-erfahren in diversen Lebens- und Wetterlagen,  Nahversorger in Sachen Pommes Frites. Der vorneweg produzierte Haufen Kartoffelschalen wuchs und wuchs und wuchs zu einer Installation der anderen Art.

 

Auch Martijn Rigters verwendet organischen „Abfall“:  Friseure in London, wo der Niederländer  arbeitet, beliefern ihn mit Bergen von Haarschnitt. Durch das Brennen des Haares auf Aluminium – eine Technik, die Rigters eigens entwickelte – kommt eine unnachahmliche Optik zustande. Martijn war der einzige POTENTIALe-Pendler, zwischen zwei Rollen und zwei Orten: „Junges Design-Talent“ oben in der Villa Müller;  gemeinsam mit Namuun Zimmermann und Michael Wodnar regulärer Messe-Aussteller im Pförtnerhaus, wo sich die Koje der drei als eigene Villa van Tuya deklarierte. Im Gespräch erzählte Martijn, dass er mittlerweile auch mit Rosshaar arbeitet. Nicht aus ästhetischen Gründen, sondern weil viele Menschen Skrupel und Berührungsängste haben gegenüber Gegenständen aus bzw. mit Menschenhaar.

 

NICHT FÜR DIE SCHUBLADE

 

Skrupel mag der ein oder andere Gast, die ein oder andere Besucherin der Villa Müller auch empfunden haben angesichts des Tower of Turning Stories von Judith van Iersel und Ralf Gloudemans: Auf den ersten Blick wirken die aufgetürmten Schubladen im Entree-Bereich der Villa wie ein erlesenes Möbelstück, handwerklich perfekt, farblich abgestimmt auf den roten Läufer, der die breite Treppe ins nächste Stockwerk hinauf kleidet. Ein kleiner Hinweis auf dem Boden lädt aber dazu ein, das Objekt zu berühren, die Schubladen zu drehen, sie aufzuziehen: Und man hört Stimmen. Stimmen in unterschiedlich gebrochenem Englisch, die Auskunft geben und erzählen: Von gefährdetem Leben, das zur Flucht führt. Vom Überleben auf der gefährlichen Flucht. Vom Leben als Geflüchtete/r. Man erschrickt, so manche/r schiebt schnell wieder zu. Muss das sein? Darf das sein?  Inmitten von schönen Dingen, jungen Talenten, einer alten Villa? Inmitten von lässig verjüngter Kleinstadt-Mondänität, zwischen Erdnuss-Sauce über kultigen Fritten und dem Zigarettchen im leeren Pool? – Ja, das soll sein. Das finden nicht nur die beiden Design-Studierenden, die diese ihre prämierte Arbeit auch schon in Italien gezeigt haben, in einem ähnlichen Kontext, während der Designweek in Mailand. Ihnen ist wichtig, Bewusstsein zu schaffen, zu schärfen, am Thema Flucht dran zu bleiben, auch einmal – ohne in erster Linie provozierende Absicht – die Komfortzone aufzumischen. Und sei es nur für den Moment zwischen Öffnen und Schließen der Lade.

 

 

Text: Petra Nachbaur

Fotos: Patricia Keckeis