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Bänke neu denken

In der Darstellung seiner Räumlichkeiten informiert das Vorarlberger Landeskonservatorium bezüglich der Kapelle im zweiten Stock des Gebäudes: „Kirchenambiente Bestuhlung (gepolsterte Bänke)“. Mit dieser Atmosphäre und diesem Inventar hatte sich Juri Troy auseinanderzusetzen, als es für den Architekten und Gestalter darum ging, besagtem Raum eine andere „Lesart“ zu schenken. Die Präsenz der Bänke – 60 an der Zahl, klassisch, zwei Reihen mit Mittelgang – war in mehrfacher Hinsicht dominant: Auch, ein solches Volumen zu entfernen, hätte eine schwer lösbare Aufgabe bedeutet.

 

Schließlich entschied sich Troy dafür, die alten, hölzernen Gebrauchsgegenstände einzusetzen. Nicht als Sitzgelegenheiten aber, sondern – pur, ohne Polster – als Bau-, Stütz- und Gestaltungselemente für eine zugleich modern und archaisch, zugleich improvisiert und durchdacht wirkende Bühne sowie für frappierend stimmige Ausstellungssockel. Dabei behandelten Juri Troy und sein vierköpfiges Team das Material bewusst behutsam: Nur durch schwarze Spanngurte werden die gekippten oder gestapelten Einzelbänke jeweils zusammengehalten. Aufrecht, links und rechts an der kühn geneigten Bühne wie Seitensäulen platziert, bieten sie zudem Platz für Lautsprecher und Scheinwerfer.

 

 

Es ist nicht das erste Mal, dass der Kunst-affine Planer und Umsetzer in einem sakralen Raumkontext arbeitet: Mehrmals war Juri Troy im Rahmen von Wettbewerben eingeladen, Projekte für Kirchengebäude zu entwickeln. Und der Zufall wollte es, dass der erste Auftrag, nachdem Troy sich selbstständig gemacht hatte, die Aufbahrungshalle am Friedhof in Hörbranz in seinen Blick rückte. Sich gestalterisch „in liturgischen Zusammenhängen“ zu bewegen, ist dem gelernten Steinmetz von Jugend an vertraut: Im Rahmen des väterlichen Betriebs, so erzählt der Architekt, habe er immer wieder in Kirchen mitgearbeitet. Später sei es ihm verstärkt darum gegangen, „Vorgaben neu [zu] interpretieren“.

In der Kapelle des Konservatoriums sind die Achsen konsequent beibehalten. Völlig umgedreht aber wurde die Blickrichtung: Während die Aufführungen in Richtung Altarraum (heute: Orgel und Seitenaltäre) gerichtet sind, schaut das Publikum Richtung Bühne = Richtung Eingang, Ausgang und Empore.  Dieser Effekt überwältigt schon beim Betreten der Kapelle, umso mehr, als die Bühne über eine Rückwand verfügt: So zeigt sie sich zunächst „backstage“ und wird links oder rechts umgangen, bevor sich der eigentliche Publikumsbereich mit schwarzer Sesselbestuhlung auf tut.

 

Unumwunden erklärt Juri Troy, dass er der Idee, in ein und demselben Raum ein Bühnen- sowie ein Ausstellungskonzept unterzubringen, zunächst recht kritisch begegnet sei. Durch die Kirchenbänke als Bausteine aber habe sich ein schlüssiges, „sehr symbiotisches“ Gesamtbild finden lassen, in dem Konzertsaal und Ausstellungsraum ineinander greifen. Gemeinsam bestimmten Maya Kleber und Juri Troy Anzahl und Endauswahl der Exponate für „Blick in den Wald. Handwerk + Form goes POTENTIALe“. Zwölf Positionen aus den Einreichkategorien „Produkt“ und „Experiment“ sind während des Festivalwochenendes zu sehen – Weihwasserkessel ist keiner dabei, aber Seife, Keramikbecher und „der Stoff, aus dem die Bänke sind“: immer wieder Holz.

 

Im Ausstellungsbereich werden jeweils zwei gestapelte Kirchenbänke zu einem Podest für jeweils zwei auf Augenhöhe nebeneinander positionierte Exponate. Über Augenhöhe flankieren barocke Kreuzweg-Stationen die zeitgenössischen Artefakte im Zentrum. Tageslicht, das durch die historischen Kirchenfenster herein fällt, erfährt Ergänzung und Verstärkung durch nüchterne Federzug-Leuchten, die wiederum an die nach oben weisenden Füße der Bänke geklemmt sind. Dieselbe Konstruktion, nur ohne ausgestellte Objekte, macht schon im Konzertfoyer vor der Kapelle auf sich aufmerksam: Dort dienen zwei Zweibankblöcke als Bar.

 

 

Handwerk + Form goes POTENTIALe:

Sonderausstellung „Blick in den Wald“ in der Kapelle des Vorarlberger Landeskonservatoriums

Fr 14-22 Uhr, Sa 10-20 Uhr, So 10-18 Uhr.

 

Pop-Up-Bühne der Montforter Zwischentöne:

8. - 10.11., Do, Fr, Sa Abend jeweils Konzert zum Herbst-Programmschwerpunkt „schweigen“

Details unter www.montforter-zwischentoene.at