· 

Hörsaal unter freiem Himmel

 

 

Das waren Vorbereitungen zur öffentlichen Vorlesung der Zürcher Kunst & Medien-Dozentin Annemarie Bucher. Eingeladen war Bucher, als Gast der POTENTIALe, vom Stadt/Studio: Durchaus naheliegend, dass die Studierenden der Uni Liechtenstein, die für die erste ihrer urbanen Interventionen in Feldkirch den Raiffeisenplatz gewählt und ihm das Teehaus beschert hatten, ihn noch einmal selbst nutzten und diesmal zum Hörsaal machten. Die vorhandenen Sitzgelegenheiten – Holzbänke und gepflastertes Mauerwerk – wurden ergänzt durch geknüpfte Teppiche, Decken, Isomatten und große Kissen.

 

INTERNATIONALE RUNDE

 

Um „Public Art“ kreiste dieser spätsommerliche Wochentag, und Bucher wies gleich zu Beginn darauf hin, dass die Studierenden im Lauf der folgenden Stunden sich selbst, aber auch Abläufe und Inhalte mit organisieren und mit den Gegebenheiten in Einklang bringen würden. Martin Mackowitz, mitverantwortlich für die Stadt/Studio-Projekte in Feldkirch, ergänzte leise: „There’s Nussgipfel …“ (Auch Zaungästen erschien es nach der Vorstellungsrunde unumgänglich, dass Vortrag und Diskussionen auf Englisch geschehen würden: Das gute Dutzend junger Leute stammte aus Indien, Irland und Italien, aus der Türkei und dem Tirol, auch Peru, Iran und Kosovo wurden als Herkunftsländer genannt.)

 

DAS ROTE TEEHAUS ALS "BLACKBOARD"

 

So, wie der Raiffeisenplatz zeigte, dass er das Zeug zum Hörsaal hat, machte das Teehaus auf Lehrmittelzimmer (Farbdosen, Straßenkreide, Klebebandrollen, Stifte aller Art und buntes Papier sowie Schachteln mit Fenchel- und Lindenblütentee plus ein Sack Zucker) und machte sich auch gut als Lehrerzimmer. Keins von der Sorte „verbotene Zone“, wo hinter verschlossenen Türen Konferenzen stattfinden. Konferiert wurde offen und auf Augenhöhe. Auf ebenjener waren auch die beidseitig klebenden Bänder an den Bäumen bestückt worden, doch bald brauchte es drunter und drüber noch weitere Ringe für die „Visual Statements“, auf denen die StudentInnen der Architektur ihre Ideen zu Papier brachten. Bucher wiederum nutzte bei ihren „Inputs“ Front und Rückwand des Teehauses zum Anbringen ihrer Beispielbilder von Brunnen, Skulpturen und Land Art Projekten.

 

RODINS "BÜRGER VON CALAIS" UND DAS ISIDÖRLE

 

Unterschiedliche Zeiten, verschiedene Länder, meistens Städte: Was war und ist jeweils die Funktion von Kunst im öffentlichen Raum? Und gibt es Beispiele aus Feldkirch? „Der Ruhende“ fiel einer Teilnehmerin ein, unter seinem Kosenamen „Isidörle“. Während die Gruppe weiter nachdachte, sich austauschte oder mit einer Taube beschäftigte, die sich die längste Zeit in einem der leeren Brunnenbecken umtat, ging der Alltag am Platz weiter: Anrainer und vor Ort Werktätige machten ihre Gänge, längeren Aufenthalt hatte ein städtischer Arbeiter, der seinen Karren vor sich her schob und beim Anlegen der Zangenstange jeweils kurz zu zögern schien: Müllpapierl? Notizzettel?

Nicht von ungefähr verwendete Annemarie Bucher auch den Begriff „natural stage“. Einige der angestammten Raiffeisenplatz-Nutzer ließen sich zwischendurch blicken und kommentierten das ungewohnte Geschehen im Revier.

– Kleiner Schreckmoment: Hundstrümmerl. Gelassen spaziert die Vortragende zur Problemstelle im Gras und markiert diese mit blauem Klebeband: zwei Streifen schräg über Kreuz, ein dritter als Mittelachse: „ … a flower“, lächelt Annemarie Bucher.

 

PUBLIC ART - EIN KINDERSPIEL?

 

Auf der angepinnten Agenda steht für den Nachmittag groß „Action“ angeschrieben. Das Kollektiv zieht los, um Interventionen in der Innenstadt vorzunehmen. Jetzt werden Montfortplatz, Elisabethplatz und vor allem Marktgasse bespielt – ganz im Wortsinn nämlich: „PLAY / Ox am Berg / NOW“ lautet die rote Beschriftung eines Plakats, welches die AkteurInnen nahe der Ochsenpassage anmontieren. Woraufhin sie sich den Raum zwischen Shops und Schanigärten aneignen und, zu Staunen und Irritation der übrigen Anwesenden, versuchen, die Entfernung von einem Brunnen zum anderen zu bewältigen. Anschließend queren sie die vorige Achse und beschreiten die Marktgasse von der Schmiedgasse her kommend: „KAISER / wieviel Schritte / darf ich gehen“, ist diesmal der Ansatz. Gehen die Studis damit einen Schritt zu weit?

 

AUDITORIUM, LABORATORIUM

 

Das war Gegenstand der abschließenden „Manöverkritik“ beim Teehaus am Raiffeisenplatz. Man war zusammengerückt: Nach dem exponierten Handeln in der Innenstadt schien den Studierenden eher nach Seminarraum denn nach Hörsaal zumute. Die größte Herausforderung, waren sich alle einig, sei das Agieren in der stark belebten Marktgasse gewesen. Gemeinsam mit Annemarie Bucher ließen sie Einzelheiten der „crazy intervention“ Revue passieren, vor allem die spärlichen Interaktionen mit der Bevölkerung. Und allen war klar: Hätten sie die selbe Aktion „naked“, unter „noise“ oder „strange smell“ praktiziert, wäre die Sache im Nu zu einem „huge problem“ geworden. Inspiriert von den Beispielen aus der neueren und neuesten Kunstgeschichte und vor allem von den neuen, eigenen Erfahrungen werden die Studierenden ihr Laboratorium Raiffeisenplatz und ihre zukünftige Arbeit in Feldkirch weiter denken: Stadt/Studio 2 ist bereits auf Schiene und will die Achse Bahnhof-Reichenfeld betrachten. – In die ritualisierte Akklamation am Vorlesungsende mischt sich Applaus aus dem Off: „Gratulieren!“ meldet einer der Raiffeisenplatzhirsche, nicht unfreundlich, während er und seine fünf Kumpanen sich bereit machen, zu übernehmen.

 

 

 

#Martin Mackowitz

#UniLIECHTENSTEIN

Ein Kooperationsprojekt mit #FELDKIRCH 800

 

 

Text: Petra Nachbaur

Fotos: Patricia Keckeis