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Alter Platz, neu bespielt.

Jeder Platz einer Stadt wird anders genutzt, anders gesehen, anders geschätzt. Jeder Platz hat seinen Ruf und seine BesucherInnen. Passanten, AnwohnerInnen und auch AkteurInnen bringen ihre Einflüsse und auch Bedürfnisse ein – Anforderungen an einen Ort, die sich nicht immer reibungslos ergänzen. So ist es auch am Raiffeisenplatz in Feldkirch.

Ein öffentlicher Platz gilt als Begegnungszone, als Ort, an dem grundsätzlich verschiedene Personengruppen aufeinander treffen können und sollen. Was geschieht jedoch, wenn die eine Personengruppe eine andere verdrängt? Was geschieht, wenn sich plötzlich eine Stadt oder eine kulturelle Institution als Akteurin einschaltet – mit dem Anliegen, einen vernachlässigten Platz aufzuwerten? Welche Chancen und welche Risiken birgt die neue Bespielung von alten Plätzen?

 

Die ungewohnte Nutzung von gewohnten Plätzen ist eine spannende Sache. Plötzlich werden diese Plätze anders wahrgenommen, neu gesehen. Plötzlich erleben Passanten ein Potential, das vielleicht schon immer da gewesen wäre. Und plötzlich wird ein Raum eröffnet, der davor vielen verschlossen geblieben ist. Dennoch ist die Neubespielung von öffentlichen Plätzen zugleich eine Sache, die – ebenso unerwartete – Konsequenzen mit sich bringen kann. Im Rahmen unserer Zusammenarbeit mit dem Stadt / Studio haben wir den Raiffeisenplatz Feldkirch besucht. Ein Platz, der Streetworkern als Drogenumschlagplatz bekannt ist, ein Platz, den manche seit Jahren bewusst meiden. Zugleich ein Platz, der einzigartige Architektur und Geschichte aufweist – und ein Platz, der voller Nutzungsmöglichkeiten ist. Wir haben drei Fragen an drei Personen gestellt, die eine jeweils ihre ganz eigene Sicht auf diesen Platz haben. Und herausgefunden, dass sich diese Perspektiven durchaus verbinden lassen.

 

Der Architekt Martin Mackowitz hat mit rund 20 ArchitekturstudentInnen neue Nutzungsideen für den Raiffeisenplatz erarbeitet. Umgesetzt wurde bereits eine Teezeremonie mit 50 geladenen Gästen. Gibt es weitere Bespielungspläne? Und wie viel Bespielung ist für einen Platz zu viel?

 

Martin Mackowitz: Der Raiffeisenplatz bietet Aufenthalt für verschiedene Zielgruppen. Das soll auch so bleiben – es geht bei unserem Prozess schließlich nicht darum, durch „elitäre“ Architektur die Gesellschaft zu sortieren oder gar einen Personenkreis ausgrenzen. Im Gegenteil: Es ist unsere Aufgabe, Räume zu schaffen, an denen sich unterschiedlichste Zielgruppen begegnen können. Orte, die Toleranz, Integration und Verständnis fördern.

 

Grundsätzlich sollte ein Platz an sich Programm genug sein. Im Idealfall wird er einfach vielseitig genutzt. Gerade der Raiffeisenplatz hat eine sehr eigene Topologie – er ist sehr grün und schattig im Sommer, ein von der Stadt umbauter Raum: eine grüne Oase inmitten der Altstadt. Es wäre schön, wenn diese Qualitäten unterstrichen werden und vielen unterschiedlichen Stadtbewohnern zur Verfügung stehen. Der Platz soll nicht in Konkurrenz mit einem anderen Platz in der Stadt stehen und auch kein Disneyland werden.

 

Peter Wieser ist der Suchtbeauftragte der Caritas Feldkirch. Wie ist das, wenn an einem öffentlichen Platz plötzlich kulturelle Aktivitäten umgesetzt werden, von denen sich vielleicht nur eine ganz bestimmte, sehr begrenzte Personengruppe angesprochen fühlt? Ist das eine unvermeidliche Tatsache oder gäbe es Wege, mit kulturellen Projekten gerade auch auf die sozialen Gegebenheiten im Stadtraum einzugehen?

 

Peter Wieser: Diese Wege gibt es auf jeden Fall. Grundsätzlich sollen Plätze die Begegnung im öffentlichen Raum möglich machen, und das am besten ohne Konsumzwang. Denn insbesondere diese Freiheit stärkt und fördert Kontakte zwischen verschiedenen Personengruppen. In der Planung öffentlicher Räume wird heute ohnehin eine „Nutzungsmischung“ befürwortet. Lebensbereiche wie Essen, Einkaufen und Arbeiten sollen vermischt, Plätze dadurch belebt und eine bessere Integration von verschiedenen Personen ermöglicht werden. Das setzt natürlich die gesellschaftliche Vielfalt voraus. In diesem Kontext ist das Caritas Café ein gutes Beispiel: hier setzen wir uns betont gegen Trennung und für eine Integration von sozialen Randgruppen ein.

 

Im öffentlichen Raum ist dieser Auftrag natürlich eine besondere Herausforderung. Hier muss man sich damit auseinandersetzen, wie viel Durchmischung, z.B von Suchtkranken oder Obdachlosen mit anderen NutzerInnen des Platzes, toleriert wird – und wie viel Begegnung wünschenswert ist. Dabei wird es immer Reibungspunkte geben, die aber auch durchaus wertvoll sein können. Und dann stellt sich auch die Frage, wie es für Personen mit sehr geringer Machtposition möglich ist, sich Räume überhaupt anzueignen.

 

Heike Sprenger kennt die Bespielung von Stadträumen aus wiederum anderer Perspektive. Wie können Jugendliche mehr in den Prozess der Stadtraumgestaltung eingebunden werden? Wie lässt sich gerade auch generationenübergreifend ein Ort der Begegnung schaffen?

 

Prinzipiell unterstelle ich jungen Menschen ein grundsätzliches Interesse am Mitgestalten ihres Lebensraumes, was ich als Voraussetzung sehe, um diese Frage zu beantworten. In welcher Form junge Menschen in den Prozess der Stadtraumgestaltung eingebunden werden können, hängt unter anderem von der Bereitschaft der InitiatorInnen ab, jungen Menschen Entscheidungskompetenzen zu übertragen – und von der Bereitschaft, junge Menschen als ExpertInnen ihrer Lebenswelt anzuerkennen. Wenn wir davon ausgehen, dass sich junge Menschen vielfach Raum aneignen – sich also ihren Raum selber schaffen – dann ist das bereits eine Art von Stadtraumgestaltung. Wenn dieses „Spacing“ in einen für Jugendliche verständlichen und umsetzbaren Prozess verpackt wird, dann können Ideen entwickelt und umgesetzt werden – auch generationenübergreifend. Meine primäre Frage aus sozialräumlicher Sicht wäre daher nicht: Wie können Jugendliche in einen Prozess eingebunden werden? Vielmehr stellt sich mir die Frage: Wie kann Stadtentwicklung die sozialräumlichen Aneignungsprozesse der jungen Menschen als Potenzial erkennen – und für sinnvolle Planungen nutzen?

 

 

#Martin Mackowitz

#UniLIECHTENSTEIN

Ein Kooperationsprojekt mit #FELDKIRCH 800