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Abwarten und Tee trinken?

"Vollkommen trostlos. Rau, kalt, abweisend. Erdrückend"

"In meiner Kindheit war das der Platz, an den man nicht gehen sollte"

"Also Leute sind hier sicher nie. Oder wenn, dann Jugendliche. Oder Junkies"

Das ist also der Raiffeisenplatz. Pflastersteine überall und zwei Sitzgelegenheiten, einander gegenübergestellt. Ein paar Bäume, alle kahl. An einem eiskalten Februarmorgen haben sich hier 27 Architekturstudierende getroffen und sich so ihre Gedanken gemacht. Der Platz ist ihr neues Projekt mit dem Stadt/Studio. Denn er birgt Potential. Zugegeben – er verbirgt es gut. Noch. Schon bald könnte das anders sein.

 

Nur eine Woche später fand Anfang März eine seltsam anmutende Sache an diesem Ort statt. Sie nannte sich Teezeremonie. 50 Gäste wurden erwartet. Einige mehr sind es geworden. Willkommen war zu dieser Stunde jede und jeder. Ob als Zuseher, Dazwischenredner oder heimlicher Passant.

Und das ist erst der Anfang ...

 

Keine Frage, Martin Mackowitz hat sich mit dem Raiffeisenplatz einer wirklichen Herausforderung angenommen. Er ist der Dozent der Studierenden. In Kooperation mit der POTENTIALe und der Universität Liechtenstein setzt er das Stadt/Studio als Sonderprojekt im Rahmen von FK800 in Feldkirch um – ein Konzept, das städtebauliche Potentiale aufzeigen und räumlich nutzen will. Im Schaffen neuer Möglichkeitsräume werden zugleich neue Inhalte geschaffen: von Ausstellungen und Vorträgen bis in zum kreativen Handel und städtebaulichen Diskurs. Der Raiffeisenplatz bietet sich aus mehreren Gründen an – schon alleine seine Geschichte und Typologie weisen auf seine jahrelange Unterbewertung hin.

 

Feldkirch, eine sogenannte „Zähringer Stadt“, charakterisiert sich durch ihre orthogonale Anordnung, das heißt, es gibt Vorstadt, Marktgasse und Neustadt sowie Seitengassen, die diese verbinden. Der Raiffeisenplatz war ursprünglich sehr klein, ein Gymnasium, später Musikgymnasium befand sich hier und wurde 1982 abgerissen. Seine Lage würde zahlreiche Wege durch die Stadt abkürzen und die Gründe, warum seine Durchgänge dennoch nicht genutzt werden, sind höchstwahrscheinlich soziale.

 

„Am Ende der 80er und in den 90er-Jahren war die Drogenszene in Feldkirch in Relation zur Größe der Stadt auffallend groß. Der Raiffeisenplatz war ein bevorzugt frequentierter Platz für Randgruppen, weil er gleichermaßen zentral und abgelegen liegt. In wenigen Schritten ist man fast überall in der Stadt und dennoch ist es sehr ruhig hier. Interessant ist, dass auch die Polizei sehr nahe liegt – und der Platz im Grunde genommen als sehr sicheren Ort eingestuft werden kann. Tatsächlich wäre hier eine Co-Existenz verschiedener Szenen und Gruppierungen nicht nur denkbar, sondern auch wünschenswert.“ Peter Wieser, Streetworking Feldkirch

 

Die Studierenden machen sich auf die Suche nach den Besonderheiten des Platzes – und nach Ideen, diesen für eine möglichst große Bandbreite an BesucherInnen zu öffnen. Sie haben Ideen, Einwände, neue Ideen und einen guten Blick für den Ort. Plötzlich tun sich Perspektiven auf, die beim schnellen Durchgehen nie wahrnehmbar geworden wären, tatsächlich auch nie wahrgenommen worden sind. Sie nehmen sich die Zeit, genauer hinzusehen - und als sie den Platz wieder verlassen, sieht dieser plötzlich anders aus:

 

„Dieser Platz ist so zentral, dass hier ein gut besuchtes Café sein könnte.“

 

„Mit richtigem Schatten von richtigen Bäumen, das gibt es in der Stadt kaum irgendwo.“

 

„Es gibt auch kaum noch Bänke in der Stadt, also höchstens so kleine, keine, wo mehrere Menschen zusammensitzen können.“

 

„Hier ist definitiv ungenutztes Potential.“

 

 

 

#Martin Mackowitz

#wanderkiosk.at

#UniLIECHTENSTEIN

Ein Kooperationsprojekt mit #FELDKIRCH 800