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Vom natürlichen Widerstand und seiner Gestaltung: Performance im Stadtstollen Feldkirch

Seit einigen Tagen rumort es aus dem Inneren des Ardetzenbergs. Das tut es immer, denn der Berg lebt bis in seinen tiefsten Untergrund. Üblicherweise ist sein Rumoren jedoch viel zu leise, um für uns wahrnehmbar zu sein. Das ist nun anders. 

Plötzlich sind hier wieder Menschen aktiv, eine große, wenn auch kaum verwunderliche Seltenheit. Das Klima im Stollen ist anstrengend, kalt und feucht, die Vorstellung, hier viele Tage verbringen zu müssen, keine allzu schöne. Wer diesen Ort besucht, wird eine gewisse Beklemmung, vermutlich sogar Widerstand – und zugleich eine seltsame Anziehungskraft erfahren. Denn wo viel Widerstand ist, da ist auch Intensität – und eine besondere Wachsamkeit gegenüber dem Umfeld, in dem man sich bewegt. So ergeht es auch den beiden Künstlern, die den Stollen im Rahmen der POTENTIALe gestalten und bespielen.

 

DENN DER MENSCH IST TEIL DER NATUR

 

Nikolaus Gohm, der heute in Wien lebt und dort Soundperformances umsetzt, hat den größten Teil seiner Kindheit auf dem Ardetzenberg verbracht. 

 

„Hier ist der Fluss jahrtausendelang auf Widerstand gestoßen. Und wie auch das Wasser seine Spuren am Felsen hinterlassen hat, so haben die Menschen diesen Stollen aus dem Widerständlichen, aus dem Berg geschlagen. Seit meiner jahrelangen Auseinandersetzung mit elektronischer Musik ist für mich die Trennung zwischen künstlich und natürlich nur noch bedingt gültig. Der Mensch ist Teil der Natur und auch die Natur wird geformt und gebildet, durch Willen und Taten verschiedenster Wesenheiten. Die Frage, die ich in meiner Performance stelle, ist daher: Können natürliche Klänge mit synthetischen harmonieren?“ 

 

Nachdem die POTENTIALe Nikolaus Gohm gebeten hat, die Eigenheiten des Stadtstollens musikalisch zu thematisieren, hat er nicht nur Aufnahmen vom vorbeifließenden Fluss, sondern auch von dessen weit entferntem Ursprungsort, dem Gletscher gemacht. Fluss und Gletscher fließen nun in seine Soundperformance mit ein. Die Frage nach der Harmonie darf sein Publikum beantworten – schlussendlich hängt unser musikalisches Empfinden von unserem ganz persönlichen Bewusstsein ab.

 

UND DIE NATUR IST TEIL DES MENSCHEN

 

Frank Lüling war kurz davor, nicht nur seine Werkstatt, sondern auch seinen Schlafplatz in den Stollen zu verlegen – und so sein eigenes Erlebnis noch zu intensivieren. Nun schläft er aber doch in der Villa Müller und bringt tagsüber umso mehr Licht und Wärme in das Innere des Ardetzenbergs, indem er an seiner Installation aus Bauschaum arbeitet. Bis zu 15 Stunden verbringt er täglich hier. Sein Werk, eine aus sich selbst heraus leuchtende Pflanze, ist ein Werk – nahezu ein Wesen – das man niemals an einem Ort wie diesem erwarten würde. Zugleich nimmt es eine bereits vorhandene Atmosphäre auf, die an andere, ähnlich dunkle Orte erinnert. 

 

„Stollen und Bunker faszinieren mich schon seit meiner Kindheit – vielleicht, weil ich aus der Schweiz komme und diese dort so allgegenwärtig sind. Ihre Architektur ist so klar und unprätentiös, und so voller spezifischer Details, wie kein Architekt sie irgendwo sonst umsetzen würde. Ob Luftschacht oder dickwandige Betontür, hier kann man wirklich sagen „form follows function“. Zugleich hat der Felsen eine natürliche Ästhetik und Lebendigkeit, die mich in meiner aktuellen Arbeit inspiriert. Während frühere Werke weitaus geometrischer waren und mehr an Design erinnerten, lasse ich hier sehr vieles einfach geschehen. Das Material fließt und tropft, der Schwerkraft folgend, und gießt sich in weitaus natürlichere Formen als früher.“

 

Tatsächlich hängen da bereits so einige Gebilde von der Decke, die an Gurken, Würste oder eben Blütenblätter erinnern, je nachdem. Für alle, die sich das ganz genau ansehen wollen: Besucherinnen und Besucher sind bei Frank Lüling schon jetzt willkommen. Und in seinem Eingangsbereich wartet sogar ein echtes Bunker-Telefon. 

 

Übrigens: Dieses Bunker-Telefon ist keine Zierde. Es ist beinahe sowas wie der Code zum Eintritt. Also bitte Hörer abheben und die Drehscheibe im Uhrzeigersinn drehen! Wenn jemand antwortet, dann ist der Einlass schon fast gewiss.

 

 

#Frank Lüling

 

 

Text: Lena Hopp

Fotos: Patricia Keckeis