Das Druckwerk weit weg von der Stadt

Wer kein Navi hat, kurvt erst mal ein bisschen durch die Gegend. Ob Druckwerkstätten in Navigationsgeräten eingezeichnet sind? Viele gibt´s davon ja nicht. Was schon mal ein guter Grund wäre, sie etwas deutlicher hervorzuheben. Denn spätestens wenn man einmal die Druckwerkstatt in Lustenau gefunden hat, weiß man, dass man es hier mit einer echten Besonderheit zu tun hat.

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Beim Betreten die Wortfetzen eines Gesprächs: „Ich lebe ja in Wien, fahr aber gern jeden Monat extra hierher. Wenn´s nach mir alleine ginge, würde ich nur noch hier drucken.“ Es ist nicht auf den ersten Blick ersichtlich, warum. Große Druckpressen aller Art stehen still. Ähnlich ist auch die Stimmung: angenehm ruhig, einladend, ohne ihre Dienste aufzudrängen. Hier druckt man selbst. Ein Illustrator betritt den Raum, um an seinem Projekt weiterzuarbeiten. Seine Arbeit hat einen guten Ruf, weit über die Grenzen, bis zur New York Times. Und alles das in Vorarlberg?

 

Ja. Es waren Pirmin Hagen und Christine Katscher, zwei Bildende Künstler, die in Edinborough ihre Faszination für Druckwerkstätten entdeckten. Ihr Entschluss, selbst eine Druckwerkstatt zu eröffnen, wurde von zwei Faktoren begünstigt: Die Auflösung des Druckmuseums in Dornbirn und eine großzügige Förderung von der Gemeinde Lustenau. Von der einen Seite erhielten sie voll funktionstüchtige Druckpressen, von der anderen frei verwendbare Räumlichkeiten. Seither kann man in Vorarlberg Mitglied beim Verein der Druckwerkstatt werden und eigene Werke gestalten. Und eine Erfahrung machen, die heutzutage sogar den meisten Grafikern sehr lange verwehrt bleibt - der haptische, unmittelbar erlebbare Prozess von der Idee zum Druck.

 

Typografie als Tradition

 

Wer sich ausprobieren möchte, besucht eine der Einführungen, die auch für Schulklassen oder Grafik-Lehrlinge angeboten werden. Auch Kooperationen mit der Fachhochschule werden hier umgesetzt. „Mit dem aktuellen Aufschwung der Typografie erlebt das klassische Druckhandwerk gerade eine Renaissance“, sagt Lorenz Helfer, einer der bemerkenswertesten Künstler der jungen Bildenden Szene in Vorarlberg.

 

Er unterstützt die Druckwerkstatt schon seit längerem. Mit Interesse beobachtet er den steigenden Trend zur Typografie - und erinnert an die typografische Tradition Vorarlbergs: „Im Verhältnis zum Rest von Österreich hatte die Typografie in Vorarlberg immer schon einen recht hohen Stellenwert. Vermutlich kommt das durch die örtliche Nähe zur Schweiz, wo die historische Linie der Typografie beinahe deutlicher ist als jene der Malerei. Umso erstaunlicher, dass niemand den Vorarlberger Typografen Othmar Motter kennt. Schließlich hat dieser so bekannten Labels wie Reebok und Apple zu ihrem Schriftzug verholfen. Es ist wohl höchste Zeit, dass das weit unterschätzte Thema der Typografie endlich einer größeren Bandbreite zugänglich gemacht wird - und die POTENTIALe bietet dafür sicher den idealen Rahmen.“

 

Beim POTENTIALe TYPO-Tag war Lorenz Helfer mit einer Druckpresse vor Ort. Zahlreiche Kinder und Jugendliche - manche von ihnen erst drei Jahre alt - durften mit ihm ihren Namen setzen und drucken. „Es war beeindruckend zu sehen, mit wie viel Geduld sich viele von ihnen immer wieder und wieder anstellten, um den langsamen und anspruchsvollen Druckprozess zu erleben. Das zeigt auch, wie viel Wert es hat, Dinge eigenständig und Schritt für Schritt umzusetzen - statt einen Knopf zu drücken und ein ausgespucktes Ergebnis hinzunehmen.“

 

 

Wir danken der Druckwerkstatt und insbesondere Lorenz Helfer für ein Angebot, das seinesgleichen sucht - weltweit. Mit oder ohne Navi.