Was bringt Kunst, wenn diese nicht von Menschen gesehen wird?

Florian Gerer im Gespräch. Weil er für so manche unserer Fragen eine wirklich gute Antwort hat. Und die wollen wir gern teilen.

© patice.at                       

Was bedeutet Stadtraum? 

 

Stadtraum ist der Raum, in dem sich alle treffen, unabhängig von sozialer Zugehörigkeit, Nationalität, Geschlecht und so weiter. Es ist eigentlich der bedeutendste Raum für unterschiedlichste Begegnungen.

 

Was bedeutet es, Stadträume zu bespielen - und was ist das Besondere daran?

 

Die Gestaltung dieses Raumes wird meist von einer bestimmten sozialen Schicht übernommen und ist regelmäßig fremdbestimmt. Werbungen werden toleriert, aber Street Art nicht. Meist gibt es ein klares Urteil darüber, was zur „Hochkultur“ addiert werden darf und was nicht. Interessant ist am Stadtraum jedoch genau diese oft verpasst Chance, dass unterschiedlichste Menschen Zugang zu Kunst erhalten. Vor allem Menschen, die von elitär anmutenden kulturellen Räumlichkeiten abgeschreckt sind und deshalb nicht in Galerien oder Museen gehen. Das allgemeine Tamtam ist im öffentlichen Raum weniger groß - es geht schlicht um Kunst und deren Darstellung. Was bringt Kunst, wenn diese nicht von den Menschen gesehen wird? 

 

Wie sind deine Zugänge zur Stadtraumgestaltung?

 

Recht verhalten. Es würde sehr schöne Flächen geben, welche auch zu gestalten wären. Siehe die ganzen Stromkästen. Aber es ist überall verboten. Man muss sehr viel Hürden in Kauf nehmen, um überhaupt etwas machen zu können. Ich hatte Glück, dass Feldkirch da so motiviert war, dass ich das Projekt umsetze und auch, dass diese Wände tatsächlich der Stadt gehören. Das Leben kann trist genug sein, warum darf also nicht viel mehr Kunst frei zugänglich sein für die Menschen?! Wir müssen wieder sensibler werden für die schönen Dinge und den Alltag wahrnehmen. Es wird immer kritisiert, wie die Menschen sich in ihren Smartphones vertiefen. Nun ja, wenn es in der Wirklichkeit nichts Interessanteres zu sehen gibt, dann müssen die Menschen sich anders zu helfen wissen. Instagram, Pinterest und Co boomen - also wäre prinzipiell ein Interesse für Gestaltung, Design und Kunst da. Nur leider wird fast jeder künstlerische Ausdruck irgendwo hinverfrachtet, wo ihn niemand sieht. Aber die Werbung, die ist allgegenwärtig und wird uns visuell im öffentlichen Raum aufgezwungen. Geld regiert die Welt. Da kann ich nur Edward Abbey: The monkey wrench gang zum Lesen empfehlen.

 

Was prägt eine Stadt, wie prägt dich deine Stadt?

 

Für mich ist eine Stadt dann prägend, wenn diese ihren Fokus nicht nur auf die „Hochkultur“ legt. Umso mehr, wenn sie die subkulturellen Schätze nicht nur wahrnimmt, sondern auch fördert. Kunst im öffentlichen Raum kostet den Künstler oder die Künstlerin. Viele nehmen ihr eigenes Geld in die Hand, um etwas für die Öffentlichkeit zu machen, und dabei kommt auch eher selten Geld zurück. Aber es geht ja nicht nur um finanzielle Probleme. Es fehlt an Räumlichkeiten, vor allem an unkomplizierten Räumlichkeiten, welche auch tatsächlich von unterschiedlichen Leuten genutzt werden können. Es gibt viel kulturelles Angebot, nur spricht dieses viel zu oft nur ein ganz bestimmtes Klientel an. Umgekehrt bewege auch ich mich immer wieder in ähnlichen Strukturen. Immer mal wieder versuche ich, den Spagat zwischen Sub- und Hochkultur zu machen, aber ich fühle mich dann doch wohler auf der Straße beim Skateboardfahren und Fotografieren.